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Sexualität im Alter

Sexualität im Alter

Sexualität im Alter

Zugegeben – das Thema dieser Pilotfolge des Sexpertensonntags mit Susanne ist keines, das mich persönlich betrifft. Als Mittdreißigerin beschäftige ich mit dem Thema bislang eher aus wissenschaftlicher, beruflicher Sicht.

Aber ich besuche schon länger ehrenamtlich eine Seniorin. Einmal in der Woche sprechen wir in ihrem Wohnzimmer über Gott und die Welt. Sie hat einen Freund, Ende siebzig, der einige Kilometer entfernt wohnt, aber äußerst rüstig und sportlich ist. Kürzlich erzählte sie mir, dass ihr Partner so unzufrieden sei, weil sie nicht mehr mit ihm schlafen möchte, dabei solle er doch einfach mal einsehen, dass sie aus dem Alter, in dem man Sex hat, doch nun wirklich lange raus seien. Gibt es dieses „Alter, in dem man Sex hat“? Oder ist das nicht vielmehr eine Ansicht, die sich unter älteren Menschen so eingeschlichen hat? Ich fand ihre Aussage sehr schade, und deshalb liegt es mir besonders am Herzen, an dieser Stelle darüber zu sprechen.

Viele Menschen wissen offenbar nicht, was ihnen entgeht. Auch – oder vor allem – im Alter. Lust und sexuelles Verlangen sind keine Frage des Alters. Wir sind zeitlebens sexuelle Wesen.

Warum sollte man die erotische Erfüllung auch im Alter suchen?

Erstens: Eine lustvolle Sexualität hält Kreislauf und Stoffwechsel in Schwung. In jedem Alter!

Zweitens: Regelmäßige Orgasmen haben eine heilbringende, ja sogar lebensverlängernde Wirkung, wie beispielsweise die Caerphilly Cohort Study, eine Langzeitstudie unter Männern, jüngst erwiesen hat. Und das können auch Orgasmen sein, die man mit sich selbst erlebt. Wichtig aber ist die Regelmäßigkeit.

Drittens: Aus rein anatomischen Gründen sind es vor allem die Frauen, die bis ins hohe Alter so lustvoll wie in jüngeren Jahren bleiben und ihre Orgasmen genauso intensiv erleben können. Mitverantwortlich hierfür ist auch ihre Klitoris – übrigens das einzige Organ, das nicht altert und noch dazu nur eine einzige Funktion erfüllt: Lust spenden. Schon länger ist bekannt, dass bei rund 75 Prozent der Frauen nicht die vaginale, sondern die klitorale Stimulation zum weiblichen Orgasmus führt. Aber natürlich bringt das Alter auch körperliche Veränderungen mit sich, was sich wiederum auf die Sexualität auswirkt: Frauen produzieren mit Beginn der Wechseljahre weniger Östrogene, was sich auf die Sexualorgane auswirkt. Die Scheidenschleimhäute werden dünner und empfindlicher und bei sexueller Erregung nicht mehr so feucht wie in jungen Jahren. Hier helfen Gleitmittel wie Just Glide oder der Freche Feuchtmacher, um der grundsätzlich vorhandenen Lust unbeschwert nachzukommen. Und auch Männer kommen in die Wechseljahre – die Testosteronproduktion nimmt langsam ab und kann die männliche Libido verringern. Dieser Prozess verläuft jedoch hoch individuell und zieht sich über Jahre hin. Viele Männer haben noch mit 80 einen hohen Testosteronspiegel und Lust auf ihre Partnerin, wie auch auf die Selbstbefriedigung. Übrigens haben auch Frauen Testosteron, das in der Nebenniere gebildet wird und langsamer abnimmt als der Östrogenspiegel.

Viertens: Auch in der Sexualität gilt: Use it or lose it. Übrigens kann ich Männern und Frauen gleichermaßen das tägliche Beckenbodentraining ans Herz legen. Schließlich ist der Beckenboden zeitlebens der Liebesmuskel! Wer immer schon lustvoll geliebt hat, wird auch im Alter Spaß an Sex und Intimität haben. Lust ist keine Frage des Alters, nur die Spielarten der Sexualität verändern sich. Sexualität ist weitaus mehr als der klassische Geschlechtsverkehr. Mit zunehmendem Alter geht es zunehmend weniger um Performance, Höchstleistungen, Experimente und ständig neue Praktiken, sondern vielmehr um das bewusste Ausleben körperlicher Nähe. Orgasmen werden oft zweitrangig. Der Leistungsdruck weicht – viele Paare sind im Alter auch mit intimer Nähe glücklich. Das zeigt übrigens auch die 2019 veröffentlichte Doku mit dem Titel „Soulsex mit John und Annie“.

 

Und so sah ich meine Seniorin lächelnd an und riet ihr, es mit ihrem Partner mal so zu machen wie John und Annie. Bei den beiden zählen keine Ergebnisse, es geht nicht in erster Linie um Erektionen und Orgasmen, sondern vor allem um Achtsamkeit und Entspannung. Auch ums Kopfkino. Und wenn man sich dem täglich für eine gewisse Zeit hingibt, wird auch die Lust und das Interesse an der Sexualität oftmals wieder zum Leben erweckt.